Lob auf den gelben Wagen

Das leuchtend gelbe Auto
unserer Briefträgerin
stiehlt sich summend
durch den Stangenwald,
seine Melodie ähnelt
meinem Elektrorasierer,
damals, der allererste.
Selbst die Schiebetüren
öffnen sich lautlosest,
distanziert spricht sie
auf mich ein, sie darf
mir nicht nahe kommen.
Aber seit kurzem winken
wir uns zu, fehlt nur
noch das Kusshändchen.
Heimlich sammle ich
neuerdings Briefmarken.

© hertz

Shopping

Am grauen Nachmittag dann
in die Fußgängerzone
mit dem Charme
einer Dating-App.

Matte Reklametexte,
aufgepappte Gesichter,
ewig kann man ihnen
in die Augen gucken.

Nichts anfassen.
Meldebogen.
Sauber sein.

Ich buche gleich noch einmal
meine Frisörin von gestern.
Sie wäscht so gut.

© hertz

Hausbesuch

Auge in Auge
vor meiner Tür.
Er pickt an.
Er ist kein Fasan.
Er sieht nur so aus.
Er ist eine Botschaft,
so gut wie er aussieht.
Ich bitte ihn herein,
erzähle ihm alles.
In diesen Zeiten
macht man sich
besser den Boten
zum Freund.

© hertz

Im Zauberwald


Dose im Moos –
verzischt.
Tanga in Schwarz –
kein Leib.
Stiefel im Matsch –
kein Fuß.
To-go to drink –
kein einziger Mund.
Tempo im Busch,
weg ist der Arsch.

Ruhe im Tann –
bloß die A7.

© hertz

Beisitzer

Soviel Lufthoheit
gestand man mir
noch nie zu
bei einer Sitzung.
Ich verfügte erstmalig
über einen Luftraum
von zirka 130 Badewannen.

Trotz der Badewannen
hatte ich leider
nichts zu sagen.

© hertz

Lied von der Hitze für meinen Großvater, Jahrgang 1886, Metallarbeiter

Die Muskeln zucken
nach einer Weile.
Die Hitze.
Die Faszien.
Die Hitze.
die Faszien.
Magnesium,
Kalium,
Franzbrandwein,
diese drei,
so steht es geschrieben.
Aber mein Großvater
nahm nach der Arbeit
Herrenhäuser Pils
gegen das Zucken.
Tagsüber stand er
an der Drehbank
bei der Conti.
Morgens um vier
musste er raus,
langer Fußmarsch.
Ruckzuck.
Die Muskeln zucken
nach einer Weile.
Die Hitze.
Die Faszien.
Die Hitze.
die Faszien.
Magnesium …

© hertz

Allee-Talk

Ist der späte Zug durch,
drehn sich unsre Buchen
blätterrauschend zueinander,
wispern Smalltalk,
tratschen ökologisch,
über die Fichten zum Beispiel,
nackt bis Hals dort am Wegkreuz.
Oder was über die Grundherrin,
wem sie bestimmt noch ans Holz ginge.
© hertz

ohrenapotheke

Sind die Denkmäler durch,
alle Straßen,
auch die kürzeren,
sämtliche Mohrenapotheken,
auch die kleineren,
bleibt noch viel zu tun.
Häschenwitze.
Kuchenrezepte.
Volkslieder,
Galaxien,
Familiennamen,
Heiße Getränke.
Und dann Bücher.
Bücher, sage ich euch.
Kann man auch nicht
alles so stehn lassen.

© hertz

Flug-Zeug

Der Schlund würgt
Koffer auf Koffer auf’s Band.
Mit japanischem Lächeln,
zwei Entschuldigungen
und einer Verbeugung
husche ich ungestraft
in den inneren Zirkel.
Glücksgriff.
Trumm von einem Koffer,
fast neu,
auf der Gepäckkarre
hängt er wie notgewassert
in der Biskaya.
Nicht für’n Polo.
Schade.
Ich liebe
das Leben der andern.
© hertz

Alb-Nacht (2)

Vor bösen Träumen beschützt
ein hölzerner Wächter aus Benin,
beopfert mit Hühnerblut
warm aus der Kehle,
gewälzt in der Asche
einer New York Times
vom vergangenen Jahr,
Wenn der Zauber nachlässt,
kann man ein Update bestellen,
mobile pay.

© hertz

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