Dreikommavier

Das klare Wasser
erzittert mehrfach
in unserer Regentonne,
Heben und Senken
aller Atmenden
scheint zu stocken.
Man könnte noch schnell
seine Liebe bekennen
oder ein Kreuz schlagen.
Vögel, wie versteint
unter dem Bougainvillae,
sind kein Trost mehr.
Drei Komma vier sagen sie
im Staatsrundfunk,
fünf Kilometer tief.

© hertz
Vor Jahrzehnten lebte ich in einem fernen Land, unter dem es bisweilen rumorte. Jetzt ist auf unserer liebsten Reiseinsel La Palma die Erdbebenampel auf Gelb gesprungen, auf der halben Insel spürt man die Schwarmbeben, zuletzt an die 200 täglich.La Palma bringt die alten Erinnerungen herauf, die jetzt noch einmal Worte gefunden haben.
Das Foto zeigt das Llano del Jable (dt. Sandebene) auf La Palma, das nach einem Vulkanausbruch vor rund 500 Jahren entstand. Über 8 Kilometer lang und teilweise bis zu 2 Kilometer breit erstreckt sich eine schwarze Zone. Feinste Lapilli und grobkörniger als Sand haben eine Sandwüste hinterlassen, wie sie auch auf dem Mond anzutreffen ist.

Wahlpost

Die Einladung verspricht mir
Positionen der Gegenwart.
Spannend, auf welchem Platz
die übrigen sein werden:
Mein Wahlkreiskandidat,
kennt nur eine Position,
soweit ich von ihm weiß.
Er eröffnet eine Kunstausstellung.

© hertz

Aus der Spur

Aufjaulen,
dumpfes Fallen,
am Hals dein Herz.
Krähen kreisen dich ein .
Rennst aus der Spur,
schlägst einen Haken,
rutscht ins Bett
zu den Jungfichten.
Musst dringend pinkeln.
Traust dich nicht.
Durch den Stangenwald
rumpelt ein Unimog.

© hertz

Durch die Blume

In der Blume
ist Gott
am schönsten,
sagte mein Freund,
der alte Maler.
So prächtig
so empfindlich,
so fruchtbar.
Einmal machte er
für eine Kapelle
ein heiliges Bild
von Gott – aber
man sah ihn nicht
vor lauter Blüten
aus dem Farbkasten.
Das Gremium war
sich lange uneins.

© hertz

 

Seestück

Salbeifarben die See.
Auf dem Horizont
ziehen Boote.
Am Himmel malen
die Wolken Zeichen.
Bauch an Bauch
lernen wir unsre
geheimen Namen
by heart.

© hertz

Wellen

Latino sage ich nur.
Schwupp ist die nächste
ans Land geschwappt.
Die Delta tanzten
wir gestern, ach Gott,
und heute die Lambda,
da geht noch was.
Erst nach der Omega
macht der DJ dicht.
Aufbrezeln,
di nägschte Angschtpaati,
avers met’n Gautest.

© hertz

Rosentröster

Den Rosen was vorlesen,
lassen die Köpfe hängen
nach dem Gewitterguss.
Rosen fühlen können –
jetzt was von Rilke?
Die Hundsrose nickt
wie immer im Wind,
dabei haben wir noch
gar nicht angefangen.
Die dicke Westerland,
duftet schon wieder,
steht auf Courths-Mahler,
und die Hochzeitsweiße
mit dem adligen Namen
kriegt ihren Goethe.
Ist man ihnen schuldig.

© hertz

Endlos Reisen

Die Kanaren reichen nicht.
Besser Destinationen
mit Zeh-Oh-Zwei-Klos.
Oder gleich Gliese,
toller Planet,
gerade reingekommen,
die Wartezeit halt:
Sechsundzwanzig Lichtjahre,
Sternbild der Jungfrau,
im Planetenkarussel
das zweite Hoppepferd
neben der neuen Sonne.
Ein bisschen Erde
ein bisschen Venus.
Ein bisschen Atmosphäre.

© hertz

PS
Im Frühsommer veröffentlichte das Max-Planck-Institut in Heidelberg die Entdeckung der „Supererde“ Gliese 486b. Der Entdecker-Astronom heißt Dr.Trifon Trifonov. Beim Googeln findet man zuerst den falschen Namensträger – einen bulgarischen Jazzmusiker, der seine Karriere im Zirkus begann … (Lohnt sich noch vor der Reise zu hören.)

Sommerpartie

Drei Kilometer Sommer
zwischen wogenden Gräsern,
Wegrauken und Margeriten,
Klatschmohn flammt auf.
Mit unseren E-Bikes
strampeln wir total öko,
bergab gleich bei 37,
königliche Einfahrt
ins Bushaltestellendorf,
Freizeitreiter von links,
vor dem Ehrenmal rechts
Trinkpause, man schmeckt
jetzt die Gülle.

© hertz

Nebenan

Mein neuer Nachbar,
der Gartenbuddha
aus dem Baumarkt

scheint jedes Mal
still zu grüßen,
wenn ich den Müll
über den Hof trage.
So im Lotussitz
den ganzen Tag
strengt doch an,
nach Feierabend
macht er Yoga,
denke ich mir,
oder Headbanging.

© hertz