Lob auf den gelben Wagen

Das leuchtend gelbe Auto
unserer Briefträgerin
stiehlt sich summend
durch den Stangenwald,
seine Melodie ähnelt
meinem Elektrorasierer,
damals, der allererste.
Selbst die Schiebetüren
öffnen sich lautlosest,
distanziert spricht sie
auf mich ein, sie darf
mir nicht nahe kommen.
Aber seit kurzem winken
wir uns zu, fehlt nur
noch das Kusshändchen.
Heimlich sammle ich
neuerdings Briefmarken.

© hertz

Shopping

Am grauen Nachmittag dann
in die Fußgängerzone
mit dem Charme
einer Dating-App.

Matte Reklametexte,
aufgepappte Gesichter,
ewig kann man ihnen
in die Augen gucken.

Nichts anfassen.
Meldebogen.
Sauber sein.

Ich buche gleich noch einmal
meine Frisörin von gestern.
Sie wäscht so gut.

© hertz

Oder Lyrik

In Wattenscheid weiß ich
einen, der mich liest,
und in St.Andreasberg.
Außerdem noch einer,
ziemlich quer,
Der ist wieder weg.
Also zwei.

Vor dem Fenster knospen
unsre Birnenbäumchen
von der Hochzeit.
Auch zwei.

Wähle, Dichter.

© hertz

Frühlingsmärchen

ist eine Antwort auf ein russisches Kindergedicht, das ich in
meinem Jahreskalender gefunden habe. Hier steht zuerst die Übersetzung der russischen Verse und dann kommt meine eigene Inspiration dazu.

Hau ruck!
So stießen die Fische
im Fluß das Eis an.
Und los ging der Eisgang.

Valentin D. Berestov (1928-1998)

*

Mundschutzmasken rocken
mit dem rosa Mützchen
Herrenlose Flaschen
schunkeln um die Scholle
stoßen an, bestellen
Ententanz zur Polka.

Wenn das Eis dann bricht
gehn wir alle baden.

© hertz

Hausbesuch

Auge in Auge
vor meiner Tür.
Er pickt an.
Er ist kein Fasan.
Er sieht nur so aus.
Er ist eine Botschaft,
so gut wie er aussieht.
Ich bitte ihn herein,
erzähle ihm alles.
In diesen Zeiten
macht man sich
besser den Boten
zum Freund.

© hertz

Verlaufen

Menschenseelenallein
den Leitungsrohren nach,
drinnen glucksen Wörter
wie auf eine Dichterlesung.
Man sollte jetzt
beten können oder Esperanto.
Ich aber stelle mir Fragen,
da haben die Krähen
was zu lachen.

© hertz

Tat-Sache

Der Griff zur Axt.
Nicht die Schärfe
zieht mich an,
es ist ihr Holz,
ein wunderschöner
Eschenstiel,
hell und sanft,
wohlgeformt,
meiner Hand
schmeichelnd,
die den Schlag
führen soll.

An dem,
was du willst,
ist mehr
als du wolltest.

© hertz

Glückse

Kakao ohne Haut
der Zeigefinger
malt Monster
auf behauchte Scheiben
Kaninchen küssen
im Brötchen bohren
Schatten treten
mit Johannes von drüben
sein Papa ist abgehauen
das Pupskissen
ausprobieren
einen Goldtaler
aus ’ner Ritze buddeln
Lachzähne
schön finden
ein silberner Vorhang
aus Schneeflocken
keinen Käse mögen
wie der Kater Murr
beim Bäcker
ein neues Wort
aufschnappen
den Rückweg hüpfen
das neue Wort flüstern
mindestens tausendmal
das heißt Jänner
wenn nicht mehr
Jännner ist
ist wieder Schule

© hertz

Letzter Markt

Rosen auf dem Asphalt.
Der Dönermann
sammelt Kohlköpfe auf.
Eine Lebkuchenfrau
verteilt noch immer
Zettel für Gott.
Sie friert im Kostüm.
Der Tannenbaum
vom Tieflader steht
vor Maria mit dem Kind.
Glitzerketten schwingen.
Man geht seiner Wege.

© hertz