Der alte Planet

Schütteln möchte sich
der alte Planet.
Er kann gar nicht
so viel kratzen
wie’s ihn juckt.
Andauernd klammern
oder krallen sie.
Gezecke.
Da holt man sich ja
ordentlich was weg.

 

 

 

 

Manches Mittel versucht,
vergebliche Mühe.
Sie sind immun
gegen Magnetstürme
und Sonneneruptionen.
Vulkane – wirkungslos,
stattdessen buchen sie
pauschale Schaulust
mit qualmenden Schuhsohlen.
Vielleicht sollte er öfter
mal nachheizen?
So ein, zwei Grad?

Seuchen, der Planet seufzt,
Seuchen haben geholfen,
vor langer Zeit, oh ja,
Pest und Cholera.
Aber jetzt spritzen sie sich
irgendwas in die Arme
oder in den Hintern –
und sind wieder fit.

Der Planet ist lange schon
auf seiner Umlaufbahn.
Wie viel hat gesehen!
Neulich erst diese Dino-Trampel,
ein Asteroid zum Glück
fegte sie weg, ratzfatz.
Und jetzt die hier.
Machen laute Geländespiele
mit dumpfem Knallen und Kollern,
Rummsen und feurigem Zischen.
Nicht alle, weiß der Planet.
Manche scheiden aus,
bevor ein Spiel durch ist.
Dieses Rum-Rummsen
juckt immer am schlimmsten.

Das ist zum Aus-der-Bahn-Fahren.
Der Planet hat nicht übel Lust,
doch mal ein bisschen
mit der Achse zu schlenkern,
wie letztens, dabei kam
prompt ne schöne Eiszeit rüber,
die erforschen sie immer noch.
Könnte man wieder machen,
grübelt er, so als kleines
Na-wird’s-bald.

© hertz

 

Lernen

Starr glubscht
mein Frosch
unterm Schilf.
Durch den Frost kommen,
lernen von den Wechselwarmen,
schläfern ihr Herz
dünnen den Atem
kühlen ihr Blut.
Grasfroschfrüh
noch einmal
dabei sein.

© hertz

Meine graue Stadt

Unter den Decken
des Schädels
Zelle um Zelle
Nerven blitzen
nanosekundlich
dort weiß man
mehr über mich
als ich selbst
am nebligen Limbus
blaue Wolken
lassen tief blicken
ich horche
draußen schon
das Laub

© hertz

 

 

Glücksfall

draußen steht
ein glücklicher Mensch
in diesem Moment
kriecht er hinein
in meinem Bauch
ich atme vorsichtig
er arbeitet sich
nach oben
Leber und Herz
hoffentlich
muss ich nicht
von ihm träumen
ich hör lieber auf
an ihn zu denken
aber er steigt
mir zu Kopf

© hertz

Reboot

Zwölf Gorillas in Hamburg
auf der Mönkebergstraße,
zwei am Rantzauer See,
sechzehn auf der NordArt
mitten in Schleswig-Holstein,
welche in Prag, Neapel oder
Bad Ragaz, wo auch immer
das liegt, zuhause in China
lebt eine Herde mit weit
über hundert Bronzeaffen,

 

 

 

 

sechshundert Kilo jedes Tier,
sehen schon ein bisschen aus
wie unsereins, alles Männer,
irgendwie glaubt man das,
der Länge nach aufgerichtet
messen sie dreieinhalb Meter,
riesige Jungs, in die Gegend
ausgesetzt, geerdeter Gang,
Augen scannen den Himmel
wie im dringlichen Gebet.
Warten auf die original sin,
mit der noch einmal alles
von vorne losgehen kann.
Menschheit Nummer zwei,
noch im groben Affenanzug,
geht in XXL an den Neustart,
mit Unschuld und Wumms
für eine strahlende Zukunft,
lässt der Künstler wissen –
Liu Ruowong aus China.

Über die Skulpturenserie „original sin“ von LIU Ruowang, die seit einigen Jahren auf der NordArt (Büdelsdorf – Schleswig.Holstein) gezeigt wird.

© hertz

am schrein

was herunterrasseln
stammeln, seufzen
schluchzen, fluchen
im sprint gegen
den kleinen zeiger
mach doch, gib dass
drück die augen zu
verdammt noch mal
niemand kennt ja
die eine stunde
in der keine ge
bete erhört werden

© hertz

Dartmoor-Spuk

Balladeske vom Rechengeist zu Moretonhampstead
Entstanden nach einer Devon-Reise

Der Gespenster liebstes
ist mir der Rechengeist
von Moretonhampstead.

Als der kleine George
nachts geboren wurde,
machte es ihm höflich
einen Willkommensbesuch.
Sein Vater war Steinmetz,
man kannte sich flüchtig,
seitdem er das Gespenst
mal durch lautes Klopfen
zu Tode erschreckt hatte.

Es schenkte dem Kleinen
etwas Persönliches von sich:
Die Begabung für Mathe.
Schon mit mit drei war er
das bestaunte Zahlenwunder.
Sein stolzer Vater stellte
ihn auf Pfunde rechnend aus.
Doch auch der Rechengeist
hatte Spaß am kleinen Genie.

Als George zur Schule ging
entsann sich der Rechengeist
der Pflichten des Patenamtes
und erschien wichtigen Leuten
erschröcklich, smalltalkte nett
nächtlicherweise bedeutsam.
Morgens begann ein jeder,
den Steinmetzsohn zu fördern
eigene Mittel nicht scheuend.

Der Rechengeist durfte noch
erleben, wie George schließlich
Karriere machte, unentbehrlich
für Eisenbahnbau und Telegrafie,
geschätzt im gesamten Königreich.
Bei der Heirat half das Gespenst
nicht mit, doch der erste Sohn
wurde mindestens zur Hälfte
so ein Genie wie der Vater.

Dann ging eine Zeit zu Ende.
Der alte Spuker wurde müde
all der Stürme auf dem Moor,
es lockte ihn die Seniorenburg
der Gespenster in Dartmouth.
In der gleichen Stadt starb George.
Das Jahrhundert der Geister
auf dem Dartmoor versank
in Geschichten und Versen.

Doch in Moretonhampstead
setzten sie ihrem großen Sohn
ein steinerne Statue im Jahr 2020:
George Parker Bidder, 1806 – 1878.
Als der greise Rechengeist
Wind davon bekam, streckte
er sich nochmals und spukt
seitdem alle siebzehn Wochen
Klinker zählend ums Denkmal.

© hertz

Bondi Beach

Die beste Trasse
für eine U-Bahn
von up over
nach down under
buddelt man,
zack, mitten durch
den Erdkern.
Der steht gerade still.
Jugend forscht:
Guckt mal, was geht.

Oder wollen wir
jedes Mal wieder
über Kriege und Beben
da unten fliegen müssen,
um in Bondi Beach
ein bisschen zu surfen,
man kann’s ja nicht
mit ansehn.

© hertz

Unter sich

Treffen sich zwei Gefühle
in der U-Bahn.

Wie siehst Du denn aus?
– Total down.
??
– Dauernd wollen sie’s.
Was?
– Wissen sie eben nicht.
O Gott!
– Ich hau ab.
Wohin?
– In die Kindheit. Kommst Du mit?
Keine Zeit.
Mach gerade
das Sonnenkind.

© hertz

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