Aus der Spur

Aufjaulen,
dumpfes Fallen,
am Hals dein Herz.
Krähen kreisen dich ein .
Rennst aus der Spur,
schlägst einen Haken,
rutscht ins Bett
zu den Jungfichten.
Musst dringend pinkeln.
Traust dich nicht.
Durch den Stangenwald
rumpelt ein Unimog.

© hertz

Durch die Blume

In der Blume
ist Gott
am schönsten,
sagte mein Freund,
der alte Maler.
So prächtig
so empfindlich,
so fruchtbar.
Einmal machte er
für eine Kapelle
ein heiliges Bild
von Gott – aber
man sah ihn nicht
vor lauter Blüten
aus dem Farbkasten.
Das Gremium war
sich lange uneins.

© hertz

 

Seestück

Salbeifarben die See.
Auf dem Horizont
ziehen Boote.
Am Himmel malen
die Wolken Zeichen.
Bauch an Bauch
lernen wir unsre
geheimen Namen
by heart.

© hertz

Rosentröster

Den Rosen was vorlesen,
lassen die Köpfe hängen
nach dem Gewitterguss.
Rosen fühlen können –
jetzt was von Rilke?
Die Hundsrose nickt
wie immer im Wind,
dabei haben wir noch
gar nicht angefangen.
Die dicke Westerland,
duftet schon wieder,
steht auf Courths-Mahler,
und die Hochzeitsweiße
mit dem adligen Namen
kriegt ihren Goethe.
Ist man ihnen schuldig.

© hertz

4:37

Wumms,
an die Scheibe,
die Dämmerung zittert
auf mich zu.

Die Bettdecke zu kurz,
ich schütze mich
in meinen Armen,
keiner da sonst.

Morgens bestatte ich
die junge Amsel im Laub,
eine alte schimpft
von der Dachrinne.

© hertz

 

Lob auf den gelben Wagen

Das leuchtend gelbe Auto
unserer Briefträgerin
stiehlt sich summend
durch den Stangenwald,
seine Melodie ähnelt
meinem Elektrorasierer,
damals, der allererste.
Selbst die Schiebetüren
öffnen sich lautlosest,
distanziert spricht sie
auf mich ein, sie darf
mir nicht nahe kommen.
Aber seit kurzem winken
wir uns zu, fehlt nur
noch das Kusshändchen.
Heimlich sammle ich
neuerdings Briefmarken.

© hertz

Frühlingsmärchen

ist eine Antwort auf ein russisches Kindergedicht, das ich in
meinem Jahreskalender gefunden habe. Hier steht zuerst die Übersetzung der russischen Verse und dann kommt meine eigene Inspiration dazu.

Hau ruck!
So stießen die Fische
im Fluß das Eis an.
Und los ging der Eisgang.

Valentin D. Berestov (1928-1998)

*

Mundschutzmasken rocken
mit dem rosa Mützchen
Herrenlose Flaschen
schunkeln um die Scholle
stoßen an, bestellen
Ententanz zur Polka.

Wenn das Eis dann bricht
gehn wir alle baden.

© hertz

Hausbesuch

Auge in Auge
vor meiner Tür.
Er pickt an.
Er ist kein Fasan.
Er sieht nur so aus.
Er ist eine Botschaft,
so gut wie er aussieht.
Ich bitte ihn herein,
erzähle ihm alles.
In diesen Zeiten
macht man sich
besser den Boten
zum Freund.

© hertz

Verlaufen

Menschenseelenallein
den Leitungsrohren nach,
drinnen glucksen Wörter
wie auf eine Dichterlesung.
Man sollte jetzt
beten können oder Esperanto.
Ich aber stelle mir Fragen,
da haben die Krähen
was zu lachen.

© hertz

Letzter Markt

Rosen auf dem Asphalt.
Der Dönermann
sammelt Kohlköpfe auf.
Eine Lebkuchenfrau
verteilt noch immer
Zettel für Gott.
Sie friert im Kostüm.
Der Tannenbaum
vom Tieflader steht
vor Maria mit dem Kind.
Glitzerketten schwingen.
Man geht seiner Wege.

© hertz