Menschenpark

Alle aus Stein.
Die Frau ohne Kopf und Arme,
keine Beine, nur Stümpfe.
Torso des Seins,
steht auf dem Schild.
Da drüben, die ist intakt,
voll nackt, Kopf gesenkt,
Kind über der Schulter.
In roter Farbe hat jemand
ihr ein Hüfttuch angemalt,
wie bei Jesus in der Kirche.

Gehen wir zu den Männern.
Zum Beispiel Ikarus
mit freiem Unterleib
und Engelsflügeln.
Es folgt ein Junge,
barfuß im Handstand,
ein Bein ist verkümmert.
Zu allerletzt ein Krieger,
70 /71, marschiert
seit Jahrzehnten
auf seinem Sockel
in voller Montur.

Der Kopf des Stifters
ist aus rotem Granit,
tiefe Schläfengrube,
der Schädel poliert.
Er lächelt.

© hertz

Grabung


Armknochen. Beinknochen.
Im Spotlight sehe ich
eine Beckenschaufel,
mehrmals gebrochen,
wie der Flügel
einer ausgestorbenen Vogelart.
Die Splitter im Fach drüber
waren mal ein Oberschenkelhals.
Das neue Hotel hat den Fund
zweisprachig beschriftet.
Vormensch, männlich.
Lag zu flach für die Tiefgarage.

Zuhause ziehe ich mich sofort aus,
meine Finger graben nervös
nach meinem Becken
unter so viel Fleisch.
Passt.

© hertz

Hundswache

Schnittige Dreimaster
spielen Schiffeversenken
im Hafenmuseum.
Man riecht
Kronprinzessin Cecilie,
sie qualmt nach Schnelldampfer Art.
Ein Melancholiker mit Sextant,
als Kapitän verkleidet,
mißt die Höhe zum Todessprung,
im Morgengrauen hängt
nur das Bild schief.
Die blonden Fischerjungs
schreien: Alle Stinte fliegen hoch!
Besucher gehen in Deckung.
Keiner da.

Die Glasenuhr schlägt neun,
zwei hautfarbene Akte
suchen ’ne Koje,
sie sind so schwarzweiß.

© hertz

Mann im Stau

Sudoku bloß im Kopf ist blöd,
die Walgesänge sollen mich entspannen,
hab ich schon zweimal durch – und nun?
Ich könnte alle roten Autos zähln,
die nebenan nach Norden fahrn.
Den Sprinter hinter mir, den lenkt ein Heinz,
im Spiegel les ich seinen Nam’n.
Und mache rasch von uns ein nettes Selfie,
der Heinz winkt artig wie Queen Mom,
das sehn gleich alle, die mich liken.

Ein Kurzhaarschnitt im Mini, apfelgrün,
guckt kurz, zieht dann auf meine Spur,
da blitzte doch ein blankes Dekolleté.
Mal schnell jetzt deine Nummer wähln,
ach nein, du bist ja schon im Yogakurs.
Ich werd mir einen runterholn,
mir ist so heiß. Der Wagen nebenan
wippt voll im Beat, man hört’s Gedröhn.

© hertz

 

Fünf-Uhr-Tee auf Hedwigslust

Urgroßmutters Sommer bauscht die Röcke prächtig,
Atlasfalten voller Erdbeer und Jasmin,
duftig süßen Vorspiels lockender Beginn.
Küss die Hand, voll Anstand kniet die Lust bedächtig.

Wilde Reben ranken sich um’s Pförtchen mächtig,
schelmisch scherzt ein praller Putto vor sich hin,
Rosenstöcke salutieren in Karmin.
Man beplaudert Herzensdinge, unverdächtig.

„Teezeit“, ruft man sie ins Haus hinein.
„Fräulein reichen Sie mir ihren Arm“,
knisternd schmiegt sich eilig Stoff an Stoff.

„Doktor, darf ich ihre Malve sein?“
Eins war hier schon längst des andern Schwarm,
täubchengleich es aus dem Herzen troff.

*

Man geht ins Haus, es glänzt die Wand aus Seide,
im goldnen Bilderrahmen Heilandsschäfchen,
begrasen allerfröhlichst Moor und Heide,
des Guten Hirten Hund im sel’gen Schläfchen.

Ein Pferdetrupp bereitet die Paneele.
Geschnitzt aus Wurzelholz des Sofas Wangen,
ein Ritter passte ‚rein mit Leib und Seele,
es fehlt‘ nur noch ’ne Jungfrau für’s Verlangen.

Zerknarrt wird jäh die Stille des Gemaches,
als man das Paar nun stumm zum Platze bringet,
es ächzt ein Stuhl, an Dübeln hier gebrach es.
Serviert wird Ceylon-Tee, Musik aufklinget.

Im Bild der Ahnherr schauet cool,
dieweil sie später Obstler trinken.
Die blassen Bräutchen wechseln wohl,
die Zwetschgen nicht. Er tut jetzt winken.

(Eine Phantasie nach Hedwig Courths-Mahler)

© hertz

Gülle, Gülle

Aus Schläuchen plätschert
das Zeug in die Anlagen.
Die städtischen Anlagen sind schon
abgesperrt, vorsichtshalber.
Die schwarzbunten Kühe traben
dieweil in die Fußgängerzone,
neugierig, ob ihre Bauern
die Sache mit der Kuhkacke
voll in den Griff kriegen.
Leute drücken sich eilig
in die Läden, das Personal
drückt die rote Notruftaste.
Die Securitas wird ausgemuht.
Ein paar Bullen besuchen
mal den netten Dönermann,
garantiert kein Schwein,
sie nehmen grünen Salat.
Alkluge Kälbchen hopsen
ganz allein in den Bus
zum Schlachthof.
Ein schöner Ausflug.
Güle, Güle.

© hertz