Lob auf den gelben Wagen

Das leuchtend gelbe Auto
unserer Briefträgerin
stiehlt sich summend
durch den Stangenwald,
seine Melodie ähnelt
meinem Elektrorasierer,
damals, der allererste.
Selbst die Schiebetüren
öffnen sich lautlosest,
distanziert spricht sie
auf mich ein, sie darf
mir nicht nahe kommen.
Aber seit kurzem winken
wir uns zu, fehlt nur
noch das Kusshändchen.
Heimlich sammle ich
neuerdings Briefmarken.

© hertz

Shopping

Am grauen Nachmittag dann
in die Fußgängerzone
mit dem Charme
einer Dating-App.

Matte Reklametexte,
aufgepappte Gesichter,
ewig kann man ihnen
in die Augen gucken.

Nichts anfassen.
Meldebogen.
Sauber sein.

Ich buche gleich noch einmal
meine Frisörin von gestern.
Sie wäscht so gut.

© hertz

Bornholmer Straße

Ne Freundin
in Ostberlin
hatt‘ ich mal,
rein platonisch,
sie ging sowieso
mit einem von der NVA.
Rüber machte ich
alle Jahre wieder.
Zutritt von sieben
bis vierundzwanzig Uhr.
Gut für die Moral.

Die Brücke,
die Kleingärten,
Bornholmer Straße,
die Grenzanlagen.
Neulich war alles
im Fernsehen, wie in echt.
Aber dies zeigten sie nicht:

Einmal verdammt spät,
ich total verfranzt,
falsch in der Einbahnstraße.
Herzrasen. Vopo kommt.
Papiere.
Belehrung.
Nicken.
Kehren.
Gute Fahrt, sagen sie.
Ich schaffe die Grenze.
Danke, Jungs.

Und die Platonische –
ach, Heide.

© hertz

Beisitzer

Soviel Lufthoheit
gestand man mir
noch nie zu
bei einer Sitzung.
Ich verfügte erstmalig
über einen Luftraum
von zirka 130 Badewannen.

Trotz der Badewannen
hatte ich leider
nichts zu sagen.

© hertz

Lost in the movies

Popkorn-Aerosole
schwadenweise,
die Gier greift XXL.
Bunte Togo-Becher
strohhalm-schnorcheln,
Bügelflaschen ploppen,
der Jungmann rülpst.
Tatatata! Tatata!
Das Handy klemmt,
Köpfe sacken weg,
Knutsch-Gekicher,
man zeigt sich was,
die Displays glühn.

Anders gestern.
Im Absperrband
bloß du und ich
und, ja, der Film.

© hertz

Zacke um Zacke

Ausschneiden,
Abweichen,
Trocknen,
Pressen,
Zähnchen zählen.
Briefmarkensammeln
zum Beispiel
hat schon früher
ganze Generationen
von schwierigen Männern
logopädisch entspannt.
Daran könnte
die UNO anknüpfen.
© hertz

Im Bistro

Da drüben sitz‘ ich,
guck, die grauen Schläfen,
ein Rotwein,
ein Buch,
unaufgeschlagen,
ich schaue durchs Fenster,
stand schon im Zeugnis
der Volksschule,
einer der rausguckt,
draußen geht immer was,
eine schöne Frau
kommt zu mir.
Wer aber ist sie bloß?
Ich streiche ihr
zutraulich
über die Hüfte.

Man kennt sich
ja gar nicht
mehr.
© hertz

Heimfahrt

Verblüht
die Kastanien
aber setz dich
geht es dir gut
ein Bier für dich
ach ja
das Klima
die Lage
der Schmerz
die Liebe
das Alter
ist gar nichts
man verliert nur
sich selbst
Jede Fahrt
eine Flucht

© hertz

Public Viewing

Das vierrädrige Objekt
auf der Grünfläche
der Wohnanlage.
Verdacht.
Polizisten
ohne Blaulicht
schieben jetzt
was über’s Gras.
Watschelnd
weichen
Nonnengänse.
Alle Balkone
sind besetzt,
Wolldecken
auf den Knien.
Ein Kinderwagen.
Kein Applaus.

© hertz