Oder Lyrik

In Wattenscheid weiß ich
einen, der mich liest,
und in St.Andreasberg.
Außerdem noch einer,
ziemlich quer,
Der ist wieder weg.
Also zwei.

Vor dem Fenster knospen
unsre Birnenbäumchen
von der Hochzeit.
Auch zwei.

Wähle, Dichter.

© hertz

Vorbei

Wieso blond
du warst rot
was für Pumps
du trugst Clogs
woher „Cheese“
lachtest klar.
facebook
fakebook
Ich gehe
ans Fenster
gucke auf den See.

© hertz

Bornholmer Straße

Ne Freundin
in Ostberlin
hatt‘ ich mal,
rein platonisch,
sie ging sowieso
mit einem von der NVA.
Rüber machte ich
alle Jahre wieder.
Zutritt von sieben
bis vierundzwanzig Uhr.
Gut für die Moral.

Die Brücke,
die Kleingärten,
Bornholmer Straße,
die Grenzanlagen.
Neulich war alles
im Fernsehen, wie in echt.
Aber dies zeigten sie nicht:

Einmal verdammt spät,
ich total verfranzt,
falsch in der Einbahnstraße.
Herzrasen. Vopo kommt.
Papiere.
Belehrung.
Nicken.
Kehren.
Gute Fahrt, sagen sie.
Ich schaffe die Grenze.
Danke, Jungs.

Und die Platonische –
ach, Heide.

© hertz

Planetendating

Eine Rubensfigur
um die Hüften
ihres Äquators
hat meine Blaue.
In drei Tagen
kann man rum sein,
achtzig war einmal.
Von der heißen Venus
lasse ich die Finger.
Pluto ist eh raus.
Der eisdicke Neptun
passt schon gar nicht,
ich brauche Blüten,
Küsse, Verse und Gesang.

© hertz

Herzgespann

Münder, Brüste, Hintern
steigen über mich hinweg,
aus der Traum.
Ich liege bloß
in Seitenlage,
eine Unruhe pocht
im linken Ohr.
Das Bett dröhnt.
Hundertzwanzig
hundertdreißig
hundertvierzig.
Unter meinen Fingern
rast der Puls

eines anderen.
© hertz

misswahl

schön sein
eine miss sein
eine miss wollen
am schönsten
eine miss kriegen
schöner
missgriff
mister
verpiss dich
eine miss missen
mist
weib
man sollte dich
auf den Mond
© hertz

ÖPNV

Kommt nichts.
In der Linken ein Bier,
Rempeln mit Rechts.
Sie spielen Gleisschubsen
für die süsse Maid vom Plakat
mit der kessen Lippe,
alle 11 Minuten
verliebt sich’s.
Die sind schon um,
noch ist nichts passiert.
Kein Kuss.
Kein Zug.
© hertz

Im Altlicht

Ich fürchte die Nacht.
Unter meinen Träumen
rosten die Nicht-Geliebten.
Ihre Farbe bricht.
Das kann man hinnehmen.
Die Geliebten aber
rosten auch.
Ich fürchte die Nacht,
in der sie sich gleichen.
© hertz

Morgen danach

Unser Schweigen
hängt über der Bank
in der Grünanlage,
unter einer Kälteschutzfolie
vom Mitternachtsbus,
obdachlos,
Fusel und Grusel,
obwohl:
wir hatten Prosecco.
Keiner guckt.
Kinderlachen kullert
die Steinstufen hinunter.
Krähen krächzen.
Auf der Bank nie wieder.

© hertz

Hugging Day

Die ganze Stadt umarmen,
Grundgütiger.
Die Neonschreie der Kaufhäuser,
zeitschlagende Kirchtürme,
das ewige Badabambadabam der S-Bahnen?
Preismurmelnde Kleindealer
hinter dem alten Friedhof?
Das Juchzen der Pärchen
in den Hecken am Seepark?
Die Maulkorbhunde, bei denen
ich die Straßenseite wechsele?
Ist das wirklich so gemeint?
Die ganze Stadt umarmen?
Keuchende Extremjogger?
Lauthalsige Hinterhof-Jungs
mit ihren Kacke-Sprüchen?
Die zwei Penner unter der Rathausbrücke,
o Gott, wie’s da stinkt?
Alle
mit den fremden Gesichtern,
wie sie mit den Armen fuchteln,
die riechen nicht bloß,
man denkt, sie holen
gleich ein Messer raus,
und die alten Frauen,
die mir nachstarren,
als ob ich Freiwild wäre,
und die jüngeren,
auch nicht von hier,
stehen da im Pulk
mit ihren glutvollen Augen,
lachen sich eins?
Meinen sie mich?
Reden wir mal über To-go-Becher,
die der Wind herumtrudelt,
und über die Schmierereien
an jeder freien Mauer.
Die ganze Stadt umarmen,
das kann man mir nicht zumuten.
Diese Rüpel von Radfahrer,
die SUV-Blödmänner, die laut hupen,
die Idioten mit dem Diesel-Bleifuß
und das Aas von Busfahrer,
der mir gestern erst
die Tür vor der Nase
einfach zugemacht hat.
Der war doch eh sowas von spät.
Den auch?
Grundgütiger.
© hertz
Es gibt tatsächlich einen „Hugging Day“, einen „Weltknuddeltag“, wie es auf deutsch heißt.Es ist der 21.Januar.