Bügelflaschen-Blues

Kapuzenjungs im feuchten Weltenschmerz,
sie finden sich vom Leben abgehängt.
Die Politik, die „Alte”, pöö, geschenkt.
Es ploppt das Pils, zwei Glatzen machen Terz,

jongliern mit Bügelflaschen bloß zum Scherz,
die erste hab‘n sie schon ins Watt versenkt.
Gern steht man hier als Mann, so eng gedrängt,
sich duckend in die Herde, wasserwärts.

Die Lästerzungen tänzeln ohne Zaum,
anheim fällt nun die Stadt der Ridicule.
Die Bürger fallen in den ersten Traum.

Der Strom bringt Nachtluft, beißend ihre Kühle,
man geht, die dünnen Jacken wärmen kaum,
kann sein, es gibt am Schluß ein paar Gefühle.
© hertz

Ulla

Da geht Ulla,
sie ist in der Neunten,
sagt meine Mutter.
Ulla guckt
durch mich durch.
Ulla trägt
einen grauen Pullover,
selbstgestrickt,
sagt meine Mutter,
Patentmuster,
sagt meine Mutter.
Die Ullas
wohnen nebenan zur Miete,
wir haben ein Haus.
Ulla sieht mich trotzdem nicht.
Vor meinen Augen schlenkert sie
ihre Schultasche hin und her.
Ich muss den Ranzen
auf den Rücken schnallen.
Ulla ist so was wie eine Frau,
noch nicht ganz, aber irgendwie.
Ihr grauer Pullover
wölbt sich vorne, ich starre.
Für Ulla bin ich nicht da,
wenn ich durch die Hecke spähe
in meiner dünnen Turnhose –
in der tut sich was.

Ulla geht in die Neunte.
Ich komme in die Fünfte.

© hertz

Karbid

Der dicke Schulze
holt die Klümpchen
aus der Jackentasche,
stinken nach Klo.
Ab damit
in die Flasche von Tommi.
Wasser schon drin.
Hänschen ist stolz
auf sein Sturmfeuerzeug.
Wird nicht gebraucht.
Ich hab’ nichts.
Ich muss Schmiere stehen.
Im Rohbau kracht’s
wie Silvester.
Scherben hageln.
Das machen sie
gleich nochmal.
Zwei Häuser weiter
geht die Tür auf,
das ist bei Thomas.
Wir stieben davon,
kauern im Graben,
schleichen heim.
Nur ich
habe saubere Hände.

© hertz