Erster September

Bach, Jazz und Klezmer
unterm Kreuzgewölbe
für den Frieden
die üblichen Klassiker
Brecht und Borchert,
Frau von Suttner
nicht zu vergessen.
Und Aischylos,
du alter Grieche,
du bist doch der
mit der Wahrheit.
Ich war wohl eingenickt.
Mmmmh.
Wie ging das noch
mit der Wahrheit
und dem Krieg?

© hertz

Atelierbesuch

Er ist nicht da.
Macht nichts,
hat er gesagt.

Die Neonröhre
zuckt an und aus
beim Eintreten.

Einer, der Figuren
formt aus allem
und jedem und nichts.

Zwei Hunde posieren
stur altägyptisch
als Buchstützen.

Ein grünlicher Leib
aus nacktem Speckstein
bedeckt sich spontan.

Der klassische Kopf
der Ytong-Katze
wendet sich zur Wand.

Ein eiserner Krieger
fuchtelt sein Schwert.
Ich schleiche raus.

© hertz

glitzern

die Nachrichten
haben eindeutig
zu wenig Glitzer
heute weder Tennis
noch Fußball
bloß Gas weg
und Panzer raus
die Überall-Männer
löschen Brände
besuchen sich
mit Quotenfrau
in dunklen Anzügen
nur einer im T-Shirt
okay das Wetter
wenigstens das
ab und zu

© hertz

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Im Garten nebenan
muss ich ihnen hinter
vorgehaltener Hand
dringend mitteilen
im Garten nebenan
wohnen jetzt illegal
mehrere Buddhas
sitzen den tagsüber
im Schneidersitz
einfach so herum
und tun gar nichts
ich meine nur so
nicht mal den Rasen
mähen sie auf dem sie
unentwegt meditieren
es handelt sich um
zwei graue Kleinere
mit Tempellaterne
und drei Ausgewachsene
mit komischer Pickelhaube
männliche Alleinreisende
wie ich sie schon öfters
im Baumarkt gesehen habe
aber ich will ja ansonsten
bitte nichts gesagt haben
hochachtungsvoll

© hertz

Kindheitsende

Alles Container.
Nur die Sachen hinten
kriegt die Wohlfahrt.
Den abgewetzten Ring
könnte man verkaufen.
Papiere.
Fotos.
Aus Kinderzeiten
der Kieferntisch
mit rissigen Augen.

Was gucken die denn so?

© hertz

Boojah

Wenn man wählen darf,
ist Krieg spannender,
satte Bilder in HD
von krummen Fronten
und klaren Feinden.
Einer sagt ins Mikro
mit Verzögerung
wie’s gerade steht.
Im Abspann Oma
mit den Kindern.
So was sieht man gern.

© hertz

Das Kirchenbuch

Schön geschrieben,
Mann für Mann
in Zeichentusche
schwarz auf schwarz,
sechs bis sieben
auf einer Seite,
sortiert nicht
nach Kriegen,
sondern geordnet
nach Dörfern
in denen sie
jemand waren.

Hinten noch
leere Seiten.

© hertz

Stille Nacht

Sie von links.
Himmel nochmal.
Man muss wissen,
noch nie habe ich
eine Karre geschrottet.
Sie ist so grau
im Scheinwerferlicht,
so grau und groß,
schreitet so still auf mich zu.
Wie betet man
eine Damkuh weg?

© hertz

Malgedicht für Erwachsene und Kinder

Achtundzwanzig Mal
schnürt eine grüne Spur
wie dicke Zahnpasta
für Nilkrokodile
über die Leinwand,
am Schluss ein Klecks,
ein geringelter brauner Klecks,
sieht unanständig aus,
ist aber kreativ.
Dann das Ganze als
achtspurige Autobahn,
windgepeitschte Nordsee
oder übergelter Undercut
in
Rot
Blau
Schwarz
Gelb
Lila
und
Burgund.

Der Maler grabscht
in den Farbhaufen,
schmiert und formt,
kleckst und würstelt,
dass es seine Art hat,
es macht ihm total Spaß,
selbst bei Regen.
Ich glaube, wenn Kacki
auch noch bunt wäre,
würden Talente gefördert.

Kinder:
Man benötigt aber dafür
einen Gummihandschuh
und einen Gummianzug
und eine Gummimütze
und diese besondere Gummifarbe.
Und einen Sprinter
für die Leinwand
und eine Erlaubnis,
das alles draußen
irgendwo zu machen.

PS:
Herr Lehmpfuhl
malt tolle Bilder.
Die Lange Anna
von Helgoland
zum Beispiel.
Das ist kein Mädchen
sondern ein Felsen.
Wer dicht zu ran geht,
sieht bloß die Zahnpasta,
an der man pulen möchte,
was man keinesfalls darf.
Will man so was richtig gucken,
braucht man mindestens
ein Wohnzimmer in XXXL,
mindestens.

© hertz

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