Wahlpost

Die Einladung verspricht mir
Positionen der Gegenwart.
Spannend, auf welchem Platz
die übrigen sein werden:
Mein Wahlkreiskandidat,
kennt nur eine Position,
soweit ich von ihm weiß.
Er eröffnet eine Kunstausstellung.

© hertz

Aus der Spur

Aufjaulen,
dumpfes Fallen,
am Hals dein Herz.
Krähen kreisen dich ein .
Rennst aus der Spur,
schlägst einen Haken,
rutscht ins Bett
zu den Jungfichten.
Musst dringend pinkeln.
Traust dich nicht.
Durch den Stangenwald
rumpelt ein Unimog.

© hertz

Endlos Reisen

Die Kanaren reichen nicht.
Besser Destinationen
mit Zeh-Oh-Zwei-Klos.
Oder gleich Gliese,
toller Planet,
gerade reingekommen,
die Wartezeit halt:
Sechsundzwanzig Lichtjahre,
Sternbild der Jungfrau,
im Planetenkarussel
das zweite Hoppepferd
neben der neuen Sonne.
Ein bisschen Erde
ein bisschen Venus.
Ein bisschen Atmosphäre.

© hertz

PS
Im Frühsommer veröffentlichte das Max-Planck-Institut in Heidelberg die Entdeckung der „Supererde“ Gliese 486b. Der Entdecker-Astronom heißt Dr.Trifon Trifonov. Beim Googeln findet man zuerst den falschen Namensträger – einen bulgarischen Jazzmusiker, der seine Karriere im Zirkus begann … (Lohnt sich noch vor der Reise zu hören.)

Schnäppchen

Schöne Himmelfahrt
sorgfältig in Öl
Farben leicht gedunkelt
um 1850, Kopie
Original byzantinisch
unbekannte Signatur
120 Zentimeter hoch
sehr repräsentativ
Wertvoller Rahmen
barockisiert
weiß und gold
Christus müsste
nachgebessert werden

© hertz

Schrei

Ob du
geschrien hast.
Hast du?
Ihren Namen.
Gottes Namen.
Oder bloß
Scheiße.

Neulich im Film:
Blutige Polster,
Mund weit offen.
Ein Drogendealer.
Was schreit so einer?

Aber du
Musste die Karre dich
Verdammt

© hertz

Advent

Wir nehmen sofort den Trecker.
Unter rot blinkenden Fixsternen
zerschlagen Rotoren die Regenfront.
Ein blauer Helikopter durchwühlt
die Wolkendecken auf der Suche
nach himmlischen Heerscharen.
Schwarze Saatkrähen schrecken hoch.
Wieder zu Hause warten wir
auf die Tagesschau.

© hertz

Blau

Niemandsland
bewacht von grauen Wäschepfählen
und vierunddreißig Augenpaaren
hinter den Gardinen.

Die Probe
des Adepten:
Er hebt den Stab,
sagt lautlos
seinen Spruch,
ins Nichts
ritzt er Hyperbeln.

Wie schade, Blüten, Blüten, Blüten.
Zwar diesmal alles blau in blau –
Vergissmeinnicht und Männertreu,
Verbenen, Bleiwurz, Blaue Lieschen,
ein Meer von Blüten strömt herbei.
Wer macht das nachher wieder weg?
Aus offenen Türen jubeln Kinder,
ein Paar umarmt sich neu verliebt.

Der Meister der Novizen sieht‘s
in seinem blinden Spiegel, seufzt:
Schon wieder einer,
der bloß Blumen kann.

© hertz