Dreikommavier

Das klare Wasser
erzittert mehrfach
in unserer Regentonne,
Heben und Senken
aller Atmenden
scheint zu stocken.
Man könnte noch schnell
seine Liebe bekennen
oder ein Kreuz schlagen.
Vögel, wie versteint
unter dem Bougainvillae,
sind kein Trost mehr.
Drei Komma vier sagen sie
im Staatsrundfunk,
fünf Kilometer tief.

© hertz
Vor Jahrzehnten lebte ich in einem fernen Land, unter dem es bisweilen rumorte. Jetzt ist auf unserer liebsten Reiseinsel La Palma die Erdbebenampel auf Gelb gesprungen, auf der halben Insel spürt man die Schwarmbeben, zuletzt an die 200 täglich.La Palma bringt die alten Erinnerungen herauf, die jetzt noch einmal Worte gefunden haben.
Das Foto zeigt das Llano del Jable (dt. Sandebene) auf La Palma, das nach einem Vulkanausbruch vor rund 500 Jahren entstand. Über 8 Kilometer lang und teilweise bis zu 2 Kilometer breit erstreckt sich eine schwarze Zone. Feinste Lapilli und grobkörniger als Sand haben eine Sandwüste hinterlassen, wie sie auch auf dem Mond anzutreffen ist.

Sommerpartie

Drei Kilometer Sommer
zwischen wogenden Gräsern,
Wegrauken und Margeriten,
Klatschmohn flammt auf.
Mit unseren E-Bikes
strampeln wir total öko,
bergab gleich bei 37,
königliche Einfahrt
ins Bushaltestellendorf,
Freizeitreiter von links,
vor dem Ehrenmal rechts
Trinkpause, man schmeckt
jetzt die Gülle.

© hertz

Traumtour

Mit der Straßenbahn
ging’s stracks übers Meer.
Die blanken Halteschlaufen
pendelten mit den Wellen,
niemand griff danach.
Kein Schaffner rief
die Haltestellen aus.
Erst an der Endstation
kamen wir zum Stehen.
Da lag ich nun.
Der abgeknipste Fahrschein
ist auf dem Nachttisch,
auf Verlangen vozuzeigen.
Guck
einfach.

© hertz

Kreuzberg-Sonate

Im Oktoberdress
farbrauscht die Rhön vor sich hin.
Kilianswetter.

Boskoops geplündert,
letzte Pflaumen gerüttelt.
Süße der Birnen.

Der Pilzpfannenduft
sättigt die braune Hütte.
Abends ein Roter.

Zum Berg der Franken
auf der Wanderautobahn
pilgern jetzt Masken.

© hertz

Saint-Spotting

Vierzehn Heilige
in fünfeinhalb Minuten,
kick digitale.
Das wundertätige Bild
darf man nicht,
nur daneben
die wächsernen Ohren
oder eine Leber,
naturgetreu bemalt.
Wir machen noch
die Krypta,
tiefes Bücken,
zwei Bischöfe
muffen hier
vor sich hin,
niemand blitzt.

© hertz

Schwarmbeben

Nicht fallen,
sagt sie am Tresen.
Irgendwo rumort’s
in der Tiefe.
Der Fernseher hängt
über den Flaschen,
ein Schwarmbeben,
rote Pfeile stürzen
aus dem Bildschirm
Richtung Whisky.
So tief
könnte man fallen.

Das Wetter morgen.
bleibt
schön.

Es kam schon mal
alles runter,
flüstert sie mir zu,
das Hotel haben sie
in die Lava gebaut.
Mit dem Knöchel ihres
Ringfingers klopft sie
an die schwarze Platte,
unberufen und dreimal.
© hertz

Tuffig

Im Feuerhagel
geborene Lapilli-Felder
knirschen
unter dem Schritt
abwärts.
Jeder rutscht
für sich allein.
Selbst Jungverliebte
lösen die Hände.
Am Fuß des Vulkans
legen sie ihre Namen
mit Tuffbröckchen,
vom Himmel gefallen,
ins schwarze Geröll.

© hertz

Echsen-Tour

Beton-Echsen
auf grauen Stelzfüssen
winden sich von Grat zu Grat
die Steilwände hoch.
Unten die Lockungen
alpträumender Schluchten
oben stumm der Basalt.
In jeder Spitzkehre
wendet der Bus
Nase überm Abgrund
voller Gebete gen Himmel.
Digitalkamas
verlieren den Fokus.
Es gibt Ansichtskarten.
Gott sei Dank.

© hertz

Blicke

Schlacken, Schotter, Schweiß,
vor mir deine Stiefel knarzen,
wir atmen uns hoch.
Auf dem Dach der Insel,
an den atlantischen Wind gelehnt,
flattrig der Griff zur Kamera,
ein Caspar-David-Friedrich-Blick,
unter den Wolken
irgendwo das Meer.
Ich habe dich
aus den Augen
verloren.

© hertz

Straße

Eine glückliche Gegend
erträgt keine Straße,
kann sie nicht riechen,
weicht vor ihr zurück,
erfindet Hindernisse:
Hügel oder Blitzeis.

Ihr schmerzen die Ohren,
wenn sie dort hinhorcht.
Ihr schmerzen die Augen,
wenn sie dort hinsieht.

Der einsame Fahrer
tut ihr leid.
So allein.
Und soviel schöne Musik.

© hertz