Im Bistro

Da drüben sitz‘ ich,
guck, die grauen Schläfen,
ein Rotwein,
ein Buch,
unaufgeschlagen,
ich schaue durchs Fenster,
stand schon im Zeugnis
der Volksschule,
einer der rausguckt,
draußen geht immer was,
eine schöne Frau
kommt zu mir.
Wer aber ist sie bloß?
Ich streiche ihr
zutraulich
über die Hüfte.

Man kennt sich
ja gar nicht
mehr.
© hertz

Heimfahrt

Verblüht
die Kastanien
aber setz dich
geht es dir gut
ein Bier für dich
ach ja
das Klima
die Lage
der Schmerz
die Liebe
das Alter
ist gar nichts
man verliert nur
sich selbst
Jede Fahrt
eine Flucht

© hertz

Vogelherbstpolitik

Das Land inzwischen
sang- und klanglos,
ein blinder Buntspecht
balzt an der Regenrinne.

Amsel
Drossel
Fink
&
Star
warten
auf den Kampf
ums Futterhäuschen.

Spatzen picken
jeden Krümel
und zwitschern
sich eins.
© hertz

Frei heraus

Der Herr Krebs sagt:
Ich komme wieder
oder auch nicht,
ganz meine Sache.
Ich bin gerührt,
wie sie mich
ablenken wollen:
Weichstrahlung,
Hartstrahlung
Chemos,
Antihormon,
Skalpell –
alles was die Kasse zahlt.
Beten zahlt sie nicht,
selten hasst man mich so lieb.
Ich schäme mich auch
ein wenig.

© hertz

Saint-Spotting

Vierzehn Heilige
in fünfeinhalb Minuten,
kick digitale.
Das wundertätige Bild
darf man nicht,
nur daneben
die wächsernen Ohren
oder eine Leber,
naturgetreu bemalt.
Wir machen noch
die Krypta,
tiefes Bücken,
zwei Bischöfe
muffen hier
vor sich hin,
niemand blitzt.

© hertz

Die schwarze Mieze

Ein grosser Junge
weint doch nicht.
Das Viech scheisst
bloss in die Ecken,
grapscht die Piepmätze.
Ich hatte auch einen,
wusste ich von meiner Mutter.
So lernte ich stets
in den frühen Tagen.
Führers Geburtstag
kann ich noch heute hersagen,
aber stramm.

© hertz

Public Viewing

Das vierrädrige Objekt
auf der Grünfläche
der Wohnanlage.
Verdacht.
Polizisten
ohne Blaulicht
schieben jetzt
was über’s Gras.
Watschelnd
weichen
Nonnengänse.
Alle Balkone
sind besetzt,
Wolldecken
auf den Knien.
Ein Kinderwagen.
Kein Applaus.

© hertz

Subversiv

In die silberne Kanne
für die Taufe sprudelt
Wasser aus dem Hahn.
Der Küster schaut links,
prüfend nach rechts,
keine Menschenseele.
Aus dem Anzug
nestelt er eine Ampulle,
zieht den feinen Korken
und gibt in die Kanne
ein winziges Tröpfchen

Gott.

© hertz

Super Markt

Hände schieben sich
unter die Melonen,
wissen, wie man
einen Babykopf wiegt.
Braune Finger,
Nagelmonde wie wir,
betasten die Haut,
drücken den Scheitel.
Nichts.
Schnuppern.
Auch nichts.
Eine Kundin nickt.
Spanien, sagt sie,
nach der Saison
ist die Erde da
Sondermüll.

© hertz