Das Kirchenbuch

Schön geschrieben,
Mann für Mann
in Zeichentusche
schwarz auf schwarz,
sechs bis sieben
auf einer Seite,
sortiert nicht
nach Kriegen,
sondern geordnet
nach Dörfern
in denen sie
jemand waren.

Hinten noch
leere Seiten.

© hertz

Alles Gummi

Im Blutstrom treibt der Abrieb,
poetisiert der Jungforscher
im digitalen Autoradio.
Ich nehme den Fuß vom Gaspedal,
die Reifen der anderen
sägen dicht an mir vorbei.

Kettenpanzer sind auch keine Lösung.

© hertz

Semevent auf Pixabay

Punsch

Wenn meine Gefühle
mal weg sind
verbrüdern sie sich
mit den Stammgästen
am Bahnhofskiosk
dort kann man im Freien
über Gott und die Welt
beim Becher Punsch

Sie kommen so erholt
zu mir zurück

© hertz

Stille Nacht

Sie von links.
Himmel nochmal.
Man muss wissen,
noch nie habe ich
eine Karre geschrottet.
Sie ist so grau
im Scheinwerferlicht,
so grau und groß,
schreitet so still auf mich zu.
Wie betet man
eine Damkuh weg?

© hertz

Malgedicht für Erwachsene und Kinder

Achtundzwanzig Mal
schnürt eine grüne Spur
wie dicke Zahnpasta
für Nilkrokodile
über die Leinwand,
am Schluss ein Klecks,
ein geringelter brauner Klecks,
sieht unanständig aus,
ist aber kreativ.
Dann das Ganze als
achtspurige Autobahn,
windgepeitschte Nordsee
oder übergelter Undercut
in
Rot
Blau
Schwarz
Gelb
Lila
und
Burgund.

Der Maler grabscht
in den Farbhaufen,
schmiert und formt,
kleckst und würstelt,
dass es seine Art hat,
es macht ihm total Spaß,
selbst bei Regen.
Ich glaube, wenn Kacki
auch noch bunt wäre,
würden Talente gefördert.

Kinder:
Man benötigt aber dafür
einen Gummihandschuh
und einen Gummianzug
und eine Gummimütze
und diese besondere Gummifarbe.
Und einen Sprinter
für die Leinwand
und eine Erlaubnis,
das alles draußen
irgendwo zu machen.

PS:
Herr Lehmpfuhl
malt tolle Bilder.
Die Lange Anna
von Helgoland
zum Beispiel.
Das ist kein Mädchen
sondern ein Felsen.
Wer dicht zu ran geht,
sieht bloß die Zahnpasta,
an der man pulen möchte,
was man keinesfalls darf.
Will man so was richtig gucken,
braucht man mindestens
ein Wohnzimmer in XXXL,
mindestens.

© hertz

SO 2

Aus dem Paradies
höllischer Gestank,
schmeckt nach Klo.
Die Kinder rein,
die Masken auf,
das Fernsehn an.
Vorabendserie,
du lieber Gott,
gibt’s doch nicht,
wir holen uns noch
den Tod oder was.
Endlich. Ach so,
der Vulkan da hinten.
Wir wollten sowieso
wieder Costa del Sol.
Keine Sorge.

© hertz

Russisches Dong-Dong

Stumme Männer klebten
an den Litfaßsäulen
meiner Kinderzeit,
gestiefelte Donkosaken,
die in der Kirche sangen.
Meine ersten Russen.
Sie machten dauernd „Dong“
im Hintergrund,
meine Tante Emmi
brauchte viel Hintergrund,
sie besaß auch
ein Langspielplatte
mit den Donkosaken.
Später wurde mein Wissen
über Russland durch Attila
den Hunnenkönig bereichert.
Nicht jugendfrei –
aber die Kinoplakate
mit Sophia Loren,
sage ich euch.
Da hatten wir schon
den Kalten Krieg.

© hertz

Abgehoben

An jenem Montag aber
flogen die Wahlplakate
wie auf Verabredung
hinauf in den Himmel,
die kleinen billigen
flatterten ein wenig,
während die in Kingsize
majestätisch schwebten.
Selbst die zerrissenen,
die angekotzten,
die angepissten,
alle hoben sie ab.
Ab und an lächelte
eines der Gesichter
im Aufwind auf mich
herunter wie damals,
als wir Kinder noch
Papierdrachen bauten.

© hertz

 

Copy right

Keine Größe
ist meine,
es trägt sie
schon ein anderer,
kein Gewicht
für mich allein,
andere wiegen
genauso viel
oder so wenig.
Hunderte entscheiden
wie ich im Supermarkt.
Was und wen wir wählen,
wie und wo wir lieben,
wir sind Tausende.
Man muss uns bloß
ans Licht halten,
da scheint es auf,
das Wasserzeichen
der anderen.

© hertz

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